Zwanziger gegen alle

Theo Zwanziger holt zum Rundumschlag aus. Der ehemalige DFB-Präsident stellt Funktionäre des deutschen Fußballs im Zusammenhang mit der WM-Vergabe 2006 an den Pranger.

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„Soll er doch klagen!“ – Theo Zwanziger hat keine Bedenken: Er sagt die Wahrheit. Günter Netzer ist da anderer Meinung. Deshalb hat er dem ehemaligen DFB-Präsidenten eine Unterlassungsaufforderung zukommen lassen. Zwanziger solle nicht weiterhin behaupten, Netzer habe ihm 2012 in Zürich von der Bestechung von FIFA-Funktionären zur Vergabe der Fußballweltmeisterschaft 2006 erzählt. „Warum sollte ich etwas unterschreiben, dass ich gelogen habe, wenn ich die Wahrheit sage?“, fragt Zwanziger. Wenn es nach ihm geht, könne Elvira Netzer „ruhig den Meineid schwören.“

Laut Zwanziger war Netzers Frau nur einen Teil des Gesprächs anwesend und habe die entscheidenden Aussagen gar nicht gehört. Netzer hingegen behauptet, seine Frau sei während des ganzen Gesprächs anwesend gewesen und könne bezeugen, dass er die von Zwanziger unterstellte Aussage nie getätigt habe. Jetzt folgt wohl eine Unterlassungsklage gegen Zwanziger.

Es stellt sich die Frage, wer von den beiden wirklich die Wahrheit sagt und ob sich dies endgültig feststellen lässt. Kann Elvira Netzer als Ehegattin des Beschuldigten eine unvoreingenommene und glaubwürdige Zeugin darstellen? Zwar tritt Zwanziger in dieser Angelegenheit relativ souverän auf, jedoch hat er für seine Vorwürfe keinerlei Beweise. Mit seinem Rundumschlag gegen mehrere Funktionäre wird seine Glaubwürdigkeit weiter geschmälert.

Zwanziger beschuldigt nicht nur Netzer, auch Franz Beckenbauer gerät unter Beschuss. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende von Adidas Robert Louis-Dreyfus soll einen von Beckenbauer persönlich unterschriebenen Schuldschein besessen haben. Mit dieser Behauptung schürt Zwanziger weiter den Verdacht, dass das Organisationskomitee der WM 2006, dem Beckenbauer als Präsident vorsaß, Stimmen erkauft hat.

Neben Beckenbauer und Netzer ist auch Wolfgang Niersbach Opfer von Zwanzigers Anschuldigungen. Zwanziger behauptet, Niersbach habe schon seit 2002 von Schmiergeldzahlungen gewusst. Die Einrichtung einer Aufklärungskommission – wie von Zwanziger im Juli 2013 vorgeschlagen – lehnte das Organisationskomitee um Beckenbauer und Niersbach ab. Außerdem unterstellt der ehemalige DFB-Präsident Zwanziger seinem Nachfolger Niersbach, gelogen zu haben. Er sagt, es habe „eindeutig“ eine schwarze Kasse gegeben.

Dass Zwanziger in der Affäre für Transparenz sorgen will, ist schön und gut. Aber warum zeigt er mit dem Finger nur auf andere und kehrt nicht erst vor seiner eigenen Haustüre? Als Vizepräsident des Organisationskomitees muss er eigentlich bereits vor dem Gespräch mit Netzer 2012 von der Zahlung gewusst haben. Nun so zu tun, als hätten nur die Anderen geschwiegen, ist scheinheilig. Seine Kollegen im Nachhinein so in den Dreck zu ziehen und sich selbst als Heilsbringer aufzuspielen, ist egoistisch und unprofessionell. Es entsteht der Eindruck, er wolle sich von jeglicher Schuld reinwaschen und sämtlichen Verdacht auf andere schieben. Dafür schreckt er nicht davor zurück, den Ruf anderer zu zerstören und damit sprichwörtlich über Leichen zu gehen. Letztlich profitiert niemand von den Vorwürfen, weder Zwanziger noch die Beschuldigten.

Auch der Aufklärungsprozess wird dadurch eher behindert als beschleunigt. Und gerade eine schnellstmögliche Aufklärung der Schmiergeld-Affäre wäre sehr wichtig für den deutschen Fußball. Unter den Anschuldigungen leidet der bisher so einwandfreie Ruf des DFB immens. Nun gilt für die Verantwortlichen, möglichst schnell alle Karten offen auf den Tisch zu legen. Das ist die einzige Möglichkeit, um nicht gänzlich das Gesicht und die Glaubwürdigkeit zu verlieren. Und das kann nur im Einvernehmen aller Beteiligten geschehen. Da hilft der aggressive Alleingang von Zwanziger nicht. Zumal dies nicht das erste Mal ist, dass Zwanziger andere Funktionäre attackiert. So greift er in seinem Buch, das wenige Monate nach seinem Rücktritt vom Amt des DFB-Präsidenten erschien, Niersbach und Uli Hoeneß an. Indem sich Zwanziger so immer wieder selbst in den Mittelpunkt stellt anstatt sich der Wirkung seines Verhaltens auf das Ansehen seines (ehemaligen) Arbeitgebers bewusst zu sein, schadet er dem Verband enorm. Die Einzigen, die von Zwanzigers Angriffen profitieren, sind die Medien, die jeden Tag mit neuen Schlagzeilen hohe Aufmerksamkeit erlangen.

Obwohl sowohl der DFB als auch dessen Funktionäre wegen der – von Zwanziger angefachten – Schmiergeld-Affäre derzeit eine Krise durchleben, wird die Sportart Fußball keinen dauerhaften Schaden davontragen. Schließlich ist Fußball die beliebteste Sportart – nicht nur in Deutschland, auch auf der ganzen Welt. Und das wird auch in Zukunft so bleiben.

Moritz Berroth, Sarah Keitel, Robin Laure

http://www.spiegel.de/sport/fussball/theo-zwanziger-laesst-frist-zur-unterlassung-verstreichen-a-1060421.html

http://www.faz.net/aktuell/sport/zwanziger-gegen-netzer-wie-lange-sass-elvira-netzer-am-tisch-13881054.html

http://www.sport1.de/internationaler-fussball/2015/10/zoff-um-wm-2006-theo-zwanziger-gegen-wolfgang-niersbach-und-franz-beckenbauer

http://www.sueddeutsche.de/sport/zwanziger-und-niersbach-chronologie-einer-maenner-feindschaft-1.2705977-2

Bildquelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/9f/Theo_zwanziger_20060119.jpg

17 Kommentare zu „Zwanziger gegen alle

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  1. Ich finde es eigentlich gut das Theo Zwanziger sich als einer der wenigen zu den ganzen Vorwürfen äußert. In einem Interview sagte Zwanziger auch dass er viel von Beckenbauer hält und in sehr schätzt, auch wenn er wusste, bzw beteiligt war, die WM zu kaufen hat er im Interesse der Deutschen gehandelt. Ich finde solang die anderen sich nicht äußern sollten Zwanziger auch nicht vorgeworfen werden unaufrichtig zu sein.

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    1. Tatsache ist halt, dass einige Vorwürfe von Zwanziger direkt kommen. Es ist ja auch gar nicht schlimm, dass Zwanziger Unstimmigkeiten nennt oder aufzeigt. Unaufrichtig ist eher die Art und Weise, wie er das macht.

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  2. Theo Zwanziger inszeniert sich selbst als der große Aufklärer. Die Frage ist warum er erst jetzt damit raus rückt. Als Ex DFB Präsident muss er genauso von den angeblichen Zahlungen gewusst haben wie Niersbach und Co auch. Des Weiteren sind seine Belege für seine Aussagen noch relativ dürftig und basieren nur auf seinen Aussagen.. Es stellt sich die Frage inwieweit man jemandem glauben kann der jahrelang davon gewusst haben muss und geschwiegen hat!

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  3. Was soll man dazu sagen? Ich kann es nicht einschätzen, wem man nun Glauben schenken darf und wem nicht. Bin sehr gespannt was am Ende die Wahrheit ist. Fakt ist aber: Es war ein Sommermärchen 😉

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  4. Es ist schade, dass der Fußball so viel Korruption erfährt und hier sehen wir, dass selbst der DFB mit einer bisher scheinbar „weißen Weste“ eine Leiche (oder vielleicht auch mehrere?) im Keller hat. Für die Medien ist so etwas gefundenes Fressen. Es wird sich zeigen, wer einen kühlen Kopf bewahren und für Aufklärung in dieser Angelegenheit sorgen wird.

    Meiner Meinung nach verhält sich Zwanziger jedoch unprofessionell, da er von diesen Zahlungen gewusst haben muss und nun mit dem Finger zunächst auf andere Akteure in diesem Skandal zeigt.

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  5. Korruption ist definitiv nichts Neues! Auch in den letzten Jahren kam es immer wieder zu Schmiergeldzahlungen, egal ob im Fußball oder in anderen Sportbereichen. So sogar auch bei der Vergabe von verschiedenen Olympischen Spielen.
    Ob Zwanziger in diesem konkreten Fall die Wahrheit sagt, ist fraglich. Ich bin allerdings sehr gespannt wie es ausgehen wird.

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  6. Meiner Meinung nach sollte so schnell wie möglich die Schuldigen gefunden werden und entlassen werden. Es wird Zeit für eine neue Generation an Manager, die nicht in die ganzen Fifa und DFB Korruptionsvorwürfen verwickelt sind. Es wird dringend ein Neuanfang benötigt.

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  7. Schade wie weit es mit dem
    Fußball und seinen Funktionären gekommen ist. FIFA Uefa und wie sie alle heißen. Nur noch Korruption, Schmiergeld oder andere Skandale. Ich hoffe das so bald wie möglich Klarheit in die Geschichte kommt und alle ihre gerechte Strafe erhalten.

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  8. Ich finde es auch sehr schwer einzuschätzen, wer die Wahrheit sagt, was wirklich passiert ist…
    Und wer sich jetzt nur dazu äußert um irgendjemanden zu schaden… Es sollte auf jeden Fall aufgeklärt werden… Dennoch finde ich, dass es eine tolle WM war, mit tollem Ausgang 😉 und das wird auch immer in den Köpfen der Fans bleiben! Skandale gibt es überall und sind wir mal ehrlich, was da draußen ist noch wirklich ehrenhafter Sport ohne Absprachen… Wenn man das Rennen der Moto GP gestern gesehen hat, dann ist mal wieder ersichtlich, wie „gekauft“ der Sport ist… Trotzdem begleitet er uns täglich… Ich denke nicht, dass alles „abgemacht“ ist und bei dem Thema # gekaufte WM muss man abwarten, was sich herausstellt…

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  9. Jedes Unternehmen, dass mit solchen Korruptionsvorwürfen umgehen muss, findet in der Regel ein Führungswechsel statt. In der Fifa sollte das meiner Meinung nach auch stattfinden. Alle betroffenen entlassen bzw. von ihren Aufgaben entbinden und die Positionen neu besetzen. Die ganze Affäre schadet letzten Endes nur dem Fußball.

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  10. Korruption ist, wie Alessandra bereits erwähnt hat, nahezu in jedem Sport ein aktuelles Thema. Ich hoffe der Fall wird sich klären und der DFB wird sich vom Imageverlust erholen.

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  11. Das wird nicht mehr lange so weiter gehen.
    Irgendwann müssen sie komplett umstellen und keiner ist mehr mit der Situation zufrieden.
    Sowas sollte im vorhinein verhindert werden

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  12. Man kann beiden Seiten glauben, was wirklich war muss sich jedoch noch herausstellen. Ich bin gespannt wer richtig lag und wie sich die Meinungen und Ansichten ändern werden…

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