Winter-Weltmeisterschaft 2022 in Katar – was soll das?

Am 02. Dezember 2010 fiel die umstrittene Entscheidung der FIFA, die 22.te Fußball-Weltmeisterschaft der Männer 2022 in Katar stattfinden zu lassen.

Doch bevor man sich über diese Entscheidung eine Meinung bilden kann, ist es für das Verständnis unerlässlich etwas über das Land Katar, seine (Fußball-)Kultur und Geschichte, zu erfahren.

Katar – eine Wüsten-Halbinsel

Das Emirat Katar liegt an der Ostküste der arabischen Halbinsel am Persischen Golf. Mit einer Fläche von 11.437 km² und einer Einwohnerzahl von 2.675.522 (Stand: April 2017) ist Katar im internationalen Vergleich eher klein. Gehört auf Grund seiner Erdöl- und Erdgasvorkommen aber zu den reichsten Ländern der Welt.

Staatsoberhaupt seit 2013 ist Scheich Tamim Bin Hamad Bin Khalifa Al-Thani. Als Begründer der Dynastie gilt Scheich Muhammad Al Thani, der um 1760 das Dorf al-Bid gründete, die heutige Hauptstadt Doha.

Katar besteht hauptsächlich aus karger Wüstenlandschaft. Der wirtschaftliche Aufschwung und heutige Reichtum begann 1939 mit der Entdeckung der ersten Erdölvorkommen und wurde 1971 durch die Entdeckung von Erdgas verstärkt. Im selben Jahr erklärte Katar die Unabhängigkeit von Großbritannien und Saudi-Arabien.

2003 stimmten die Bürger Katars einer Verfassung zu, die die Staatsform als Emirat (eine absolute Monarchie), den Islam als Staatsreligion und die Scharia als Hauptquelle der Gesetzgebung festlegt.

Katar – eine Nation ohne Fußballkultur?

Seit 1963 gibt es die Qatar Stars League, die höchste und professionelle Fußball-Liga des Landes. Aus ihr stammen auch die Spieler der Nationalmannschaft, die bisher allerdings noch keine großen Erfolge feiern konnten.

1980 qualifizierte sich Katar das erste Mal für die Fußball-Asienmeisterschaft und schied seitdem sieben Mal in der Vorrunde aus, wurde einmal nicht qualifiziert und schaffte es zweimal ins Viertelfinale.

Die Bilanz für die Fußball-Weltmeisterschaften ist schnell erstellt: bisher nicht aus eigener Kraft qualifiziert. Eine Teilnahme 2022 auf Grund des Gastgeberstatus ist allerdings sichergestellt.

Gastgeber war Katar bereits zweimal bei einer Asienmeisterschaft, 1988 und 2011. 2011 galt dabei vielen als Testlauf für die WM von 2022. Was besonders auffiel, war das allgemeine Desinteresse der katarischen Bevölkerung an den Spielen.

Einer der häufigsten Kritikpunkte an der Ausrichtung der WM 2022 in Katar scheint somit berechtigt, denn Katar macht nicht den Eindruck eine Nation mit einer ausgeprägten Fußballkultur zu sein.

Nimmt sich Fußball-Europa zu wichtig?

Doch natürlich gibt es auch Argumente, die für die Vergabe der WM nach Katar sprechen.

FIFA-Generalsekretärin Fatma Samoura antwortete in einem Interview auf die Frage, was es bedeutet die WM in den Nahen Osten und die Arabische Welt zu bringen:

„Es bedeutet, dass sich die Welt des Fussballs der Vielfalt öffnet und der Universalität des Fussballs gerecht wird. Wir sollten Regionen wie dem Nahen Osten noch mehr Möglichkeiten geben, zu beweisen, dass auch sie Fussballnationen sind und dem Rest der Welt zeigen, dass der Fussball Menschen mit unterschiedlichem kulturellen und religiösem Hintergrund zusammen bringt.“

Ein weiteres, nicht zu unterschätzendes, Argument ist Katars Reichtum. Der Architekt Joachim Schares, einer der Verantwortlichen für die Bewerbungsmappe Katars, drückt es gegenüber ZEIT Online so aus:

„So etwas das erste Mal durchzuführen, erfordert sehr viel Forschung und technischen Aufwand, und Katar kann sich das leisten. Wir gehen davon aus, dass wir dadurch Technologien schaffen, die es auch anderen ärmeren Ländern ermöglicht, eine ganzjährige Fußballliga zu etablieren und Großsportveranstaltungen durchführen zu können. Die WM ’22 hat da eher Labor- oder Modellcharakter. Katar nimmt eine Vorreiterrolle ein.“

Die für die WM geplanten Stadien zum Beispiel sollen modular gebaut werden. Der Vorteil ist, dass sie nach der WM in Ländern, die sich keine eigenen Stadien leisten können, wieder aufgebaut werden können.

Denn die Stadien für die WM befinden sich alle nahe an, oder sogar in, Doha, was für die Fans und die Mannschaften den Vorteil hat, dass sie nur sehr kurze Wege zurücklegen müssen und es nur eine große Fanmeile geben wird, auf der sich alle treffen. Weite Reisen, sobald man erstmal im Land ist, sind so nicht mehr nötig, um zu den unterschiedlichen Spielstätten zu gelangen. Allerdings sind die Stadien nach der WM überflüssig und sollen daher wieder abgebaut und verteilt werden.

Die Befürworter einer WM in Katar betonen immer wieder, dass die Kritik hauptsächlich aus einer europazentrierten Sichtweise heraus erfolgt und solch eine Sichtweise bei einer Weltmeisterschaft nicht angemessen sei.

Kritik kommt aus vielen Richtungen

Die Argumente gegen eine WM in Katar lassen sich zwei Kategorien zuordnen: fußballerisch und gesellschaftlich.

Fußball

Eines der größten Probleme war und ist die Hitze im Sommer. Bei bis zu 50°C lässt sich nur schwer Fußball spielen und auch die Fans würden unter der Wärme leiden. Eine Lösung für dieses Problem bietet die Verlegung der WM in den Winter. 2022 wird das Eröffnungsspiel am 21. November und das Endspiel am 18. Dezember stattfinden.

Durch die Verlegung der WM müssen die europäischen Top-Ligen ihre Spielpläne komplett ändern. Zu einer Zeit, in der normalerweise Hochbetrieb im Klubfußball herrscht, spielen die Topspieler für die Nationalmannschaften. Die Vereine rechnen mit erheblichen Einnahmeeinbußen und einer erhöhten Ausfallquote der Spieler nach Ende der WM für den heimischen Spielbetrieb. Bereits jetzt wurden Forderungen nach Kompensationszahlungen seitens der Vereine und Verbände an die FIFA gestellt.

Auch die Wintersportverbände kritisieren den neuen Termin, denn Überschneidungen mit ihren Veranstaltungen sind voraussehbar. Die Zuschauer müssen sich also entscheiden, welches Sportevent sie sich ansehen. Im schlimmsten Fall wird damit gerechnet, dass die Berichterstattung in den Medien zu Gunsten der WM sogar geringer ausfällt als üblich.

Zu guter Letzt sind auch viele Fans in Deutschland nicht begeistert, denn seit dem Sommermärchen 2006 gehört das gemeinschaftliche Public Viewing im Biergarten oder anderen öffentlichen Plätzen für sie zu einer WM dazu. Etwas, das sich im Winter wohl eher nach drinnen verlagern muss.

Gesellschaft

International gibt sich Katar Mühe einen liberalen Eindruck zu hinterlassen. Allerdings ist Homosexualität noch immer verboten und als 2016 eine Niederländerin eine Vergewaltigung anzeigte, wurde sie wegen außerehelichem Sex verurteilt.

Nur rund 12% der Einwohner Katars (etwa 300.000) sind Inländer. Der Großteil der Bevölkerung kommt ursprünglich aus Indien, Pakistan und Nepal und ist in Katar, um zu arbeiten. Eine Besonderheit hierbei ist die vorgeschriebene Bürgschaft, das sogenannte Kafala-System. Für jeden Arbeitsmigranten, egal ob Bauarbeiter oder Manager, muss ein einheimischer Bürger, meist der Arbeitgeber, dem Staat gegenüber die Bürgschaft übernehmen. Jeder Arbeitsmigrant darf in der Folge nur mit Erlaubnis des Arbeitgebers den Arbeitsplatz wechseln und wieder ausreisen.

Amnesty International listet im Jahresbericht 2010 Menschenrechtsverletzungen und Diskriminierungen in verschiedenen Bereichen auf, die in Katar begangen wurden:

  • Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen
  • Recht auf freie Meinungsäußerung
  • Rechte von Arbeitsmigranten
  • Diskriminierung – Recht auf Staatsbürgerschaft
  • Recht auf Freizügigkeit
  • Haft ohne Anklage oder Gerichtsverfahren
  • Grausame, unmenschliche und erniedrigende Strafen
  • Todesstrafe

Bisher scheint sich an diesen Umständen in den vergangenen 7 Jahren nicht viel geändert zu haben. Im Bereich der Arbeitsmigration gab es beispielsweise eine Gesetzesreform, diese hat das Kafala-System allerdings nicht abgeschafft, sondern, ganz im Gegenteil, sogar das Einbehalten der Pässe legalisiert.

Darf die Idee der Weltoffenheit über dem Wohl des einzelnen stehen?

Die Vergabe der Weltmeisterschaft 2022 nach Katar lässt sich nun nicht mehr rückgängig machen, allerdings muss man sich die Frage stellen, ob die FIFA sich mit dieser Entscheidung selbst einen Gefallen getan hat.

Natürlich ist es wichtig und richtig, dass eine Weltmeisterschaft auf der ganzen Welt ausgerichtet werden kann und durch das Stattfinden dieser Weltmeisterschaft auf der arabischen Halbinsel die kulturelle Weltoffenheit und der völkerverständigende Aspekt eines solchen Sportereignisses hervorgehoben wird, allerdings dürften diese hehren Überlegungen nicht über dem Wohl einzelner Menschen stehen.

Dies tun sie derzeit aber, indem der Bau der WM-Stadien die Arbeitsmigration in Katar noch verstärkt und die FIFA sich nicht in der Lage sieht, die menschenrechtsverletzende Umstände zu stoppen.

Zum Weiterlesen

2 Kommentare zu „Winter-Weltmeisterschaft 2022 in Katar – was soll das?

Gib deinen ab

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

WordPress.com.

Nach oben ↑