Aufs falsche Pferd gesetzt

Warum der Galoppsport auf der Bremse steht

Top die Wette gilt. Seit Jahren setzt der deutsche Galoppsport auf neue Ideen, neue Innovationsträger und neue Methoden um ein deutsches Kulturgut am Leben zu erhalten. Aber Jahr für Jahr erscheinen augenscheinlich „neue“ Artikel zum Thema „der Galoppsport in Gefahr“. Die Rennbahn Frankfurt-Niederrad, Bremen und Vahr mussten bereits geschlossen werden. Aber wie kommt es zu diesem Missstand?

Der Ursprung allen Übels

Die Gründe für die Krise sind angeblich immer die Gleichen: Fehlende Wetteinnahmen, Sponsoren und Besucher. Als Grund hierfür wird unter anderem die Möglichkeit auch von zuhause wetten zu können genannt. Anstatt die Rennbahn zu besuchen werden die Wetten folglich lieber virtuell im Internet abgegeben. Hinsichtlich dessen sank die Zahl der Wetteinnahmen durch die Einführung der Onlinewetten von 100 Millionen Euro auf 26,5 Millionen Euro. Auch das sinkende Interesse und die mangelnde Begeisterung der Menschen für den Galoppsport führen zu den abnehmenden Besucherzahlen.

Dies sind die Gründe, durch welche sich die Rennbahnen und Vereine für Galoppsport die Krise erklären. Aber um den Ursprung und die Konsequenzen dieser Entwicklung ganzheitlich abzubilden, besteht die Notwendigkeit die Problematik auch aus anderer Sicht zu beleuchten und auf weitere Facetten einzugehen.

Somit kann als ein weiterer möglicher Aspekt für zurückgehende Besucherzahlen auch die Berichterstattung hinsichtlich der ausgeprägten Tierquälerei im Pferde-Rennsport gesehen werden. Denn die Tiere verletzen sich nicht nur im Training oder durch das Überspringen von Hindernisse auf der Bahn, sondern zusätzlich durch die enorme Spannung, unter der sie hohe Leistungen erbringen und sogar über ihre Grenzen hinausgehen müssen. Und „obwohl sie ihr Letztes geben [werden sie] mit der Peitsche gezwungen, noch mehr zu geben“, so Maximilian Pick, der viele Jahre Rennbahntierarzt in München war. Laut Paragraf 1 des Tierschutzgesetzes ist es verboten, einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen. Auch Peta unterstützt diese Annahme.

Laut Peter Höffken, dem Fachreferent für Tiere in der Unterhaltungsbranche bei Peta, bedingen die Peitschenschläge unfreiwillige Sprints aus Furcht.

Zudem erhalten die Tiere nach Pick keinen angemessenen Ausgleich neben den Rennen, da sie aus Angst vor Verletzungen nicht auf die Weide gelassen werden. Stattdessen stehen die Pferde 23 Stunden am Tag in der Box, was ebenfalls an Tierquälerei grenzt.

Pick geht hierbei soweit die Verantwortlichen des Rennsports und nicht den Rennsport an sich in die Verantwortung zu zwingen. Ohne Anpassungen der Richtlinien bzgl. des Einsatzes von Peitschen oder der Tierhaltung sehe er den Sport vor dem „Niedergang“.

Peta nennt als erschreckende Zahl 750 Todesfälle von Pferden im Trab- und Galopprennsport zwischen 2011 und 2013. Diese Zahl sollte nicht nur den Besuchern und Zuschauern, sondern auch den Verantwortlichen des Rennsports zu denken geben.

Was wäre wenn…

…der Galoppsport in Deutschland gänzlich verschwinden würde?

Neben der Konsequenz, dass Galopprennbahnen geschlossen werden müssen, leidet auch die deutsche Vollblutzucht.

Die Tiere verlieren ihre Aufgabe und somit auch die Zucht dieser Rasse in Deutschland an Bedeutung. „Ohne [deutsche] Galopprennen fehlen uns die geforderten Nachweise, auch für den bislang so erfolgreichen Export deutscher Vollblüter“ so Manfred Ostermann, Präsident der deutschen Vollblutzüchter und Besitzer und ihr Vertreter im DVR.

Für die Züchter bedeutet diese Entwicklung eine enorme Belastung, da das Züchten, Trainieren und der Unterhalt von Vollblütern einen hohen finanziellen Aufwand bedeutet. Hierbei kann man pro Vollblut mit 20 000 Euro im Jahr rechnen.

Ostermann betont, dass „sich [die teure Aufzucht] nicht lohnen [würde]. Viel schlimmer noch: Es würde zu einem Ausverkauf bereits geborener Tiere in Deutschland kommen. Deren Wert würde schlagartig sinken, zum Teil unter den Preis, den Ross-Schlachter in Polen und Frankreich bieten. Wir müssten für ca. 7500 Pferde Gnadenhöfe finden“.

Um weiterhin Geld verdienen zu können sind sowohl Züchter als auch Besitzer dazu genötigt ihre Tiere vermehrt außerhalb von Deutschland in die Startbox zu stellen.

Laut Karl-Dieter Ellerbracke, dem Vorsitzender der Besitzervereinigung und Vizepräsident im Direktorium für Vollblutzucht und Rennen in Deutschland, können die Besitzer und Züchter außerhalb von Deutschland deutlich mehr Geld mit ihren Tieren erwirtschaften.

Es folgt eine Verlagerung des Sports ins Ausland, da der Sport hier eine deutlich höhere Popularität erfährt. Da der deutsche Rennsport und die Vollblutzucht im Jahr einen Wert von 140 Millionen Euro Bruttoinlandseinkommen bedeutet, hätte ein Aussterben dieses Wirtschaftszweiges auch Konsequenzen für Deutschland.

Neben der Rennbahn und den Besitzern bzw. Züchtern hat das Schließen der Rennbahnen auch Konsequenzen für die Rennpferde. Das Aussterben des Galoppsports in Deutschland würde bedeuten, dass die Tiere ihre Aufgabe verlieren und somit das Züchten der betroffenen Rassen an Relevanz verliert. Laut Albrecht Woeste dem Präsidenten des Direktorium für Vollblutzucht und Rennen (DVR) wäre durch den Verlust des Galoppsports „die Zukunft von über 2400 Zuchtstuten, 1000 Fohlen und über 8000 anderen Vollblütern in Gefahr.“

Es gibt es jedoch auch positive Aspekte. Wie einleitend beschrieben tauchen in den Medien Berichterstattungen über die Qualen, welchen die Pferde unterliegen, auf. Das verlieren ihrer Aufgabe führt somit auch dazu, dass die Pferde weniger Stress ausgesetzt sind. Normalerweise läuft ein Rennpferd zehn bis zwölf Rennen im Jahr. Jedes dieser Rennen bedeutet eine enorme Belastung für das Tier, da „die Rennen mit Angst, oft sogar mit Todesangst verbunden sind“ . Denn ohne Angst würden die Pferde nicht so schnell laufen. Der normale Galopp der Tiere ist deutlich langsamer und hat mehr mit Spiel als mit Angst zu tun. Das Aussterben des Galopp-Rennsports würde folglich bedeuten das Tiere nicht mehr zum Flucht- bzw. Angst-Galopp gezwungen werden, sondern einen Lust-Galopp auf der Koppel genießen können.

Abschließend lässt sich festhalten, dass sich die vorliegende Krise aus einen Teufelskreis eines Ursache-Wirkungs-Zusammenspiels ergibt. Hierbei können die Ursachen wie mangelndes Interesse und fehlende Gelder gleichzeitig auch als Konsequenz aus Tierquälerei und Verlagerung des Sports ins Ausland gesehen werden. Zu Gleich verstärkt diese Konsequenz den zusätzlichen Druck auf noch bestehende Rennbahnen. Der Sport befindet sich in Deutschland somit in einer Abwärtsspirale, der er nur schwer entkommen kann.

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