Olympia 2016 – 7.200 Euro pro Ticket – Betrugs-Skandal im IOC

Es sollten beschauliche, weltoffene Spiele in Rio werden, doch der Ticket-Skandal des IOC überschattete die Olympiade 2016. Betrüger verlangten 7.200 Euro für ein Ticket.

Als am 2. Oktober 2009 die Sonne über Kopenhagen unterging, war klar: die Olympischen Sommerspiele gehen nach Brasilien. Alle Beteiligten waren euphorisch. Das wirtschaftlich aufstrebende Land würde 2016 die Weltspiele ausrichten und wäre damit das dritte Land auf dem südamerikanischen Kontinent. Doch schnell nach der Vergabe verpuffe jegliche Begeisterung. Die olympische Berichterstattung wurde von Drogenkriegen, sozialen Unruhen und verdrecktem Wasser in den Segelrevieren überschattet. Ihren Negativgipfel erreichte sie jedoch erst während der Spiele, als bekannt wurde, dass ein ranghohes IOC Mitglied am illegalen Tickethandel beteiligt zu sein schien.

Die illegalen Tickethändler des IOC

Im Mittelpunkt dieses Skandals steht der mittlerweile zurückgetretene Sportfunktionär und Chef des irischen olympischen Komitees Patrick Hickey. Die brasilianische Staatsanwaltschaft verhaftete ihn unter dem Verdacht des Schwarzhandels, der Bildung eines Kartells und des rechtswidrigen Marketings. Hickey, der mit Hilfe von Managern der Firma THG Sports versucht haben soll, Millionensummen aus dem illegalen Handel mit Olympiatickets zu überhöhten Preisen zu erzielen, wies alle Anschuldigungen zurück. Hickey selbst war seit 1981 Mitglied des Olympic Council von Irland und wurde 1989 der Präsident des Verbandes.

Korruption – nichts Neues für den IOC

Korruption beim IOC ist kein neues Phänomen. Immer wieder geraten Funktionäre des Weltverbandes in das Fadenkreuz von Justiz und Öffentlichkeit. Sei es 1999 zu den Winterspielen in Salt Lake City oder 2005, als der Bulgare Iwan Slawkow einem verdeckt recherchierenden Fernsehteam der BBC anbot, Stimmen für die Städtewahl 2012 zu verkaufen. Der Olympische Gedanke scheint längst verloren zu sein an eine milliardenschwere Industrie, die ihre ganz speziellen Regeln hat. Ein Kosmos der von Sportfunktionären bestimmt wird, die ein ausgeklügeltes System der Korruption etablieren konnten, schlussendlich gedeckt vom IOC. Der IOC selbst hat die reflexartigen Antworten auf konkrete Anschuldigungen wie im Falle von Hirkey stets bereit:

Das IOC kann keine laufenden Gerichtsverfahren gegen Herrn Hickey, für den die Unschuldsvermutung gilt, kommentieren. Für das IOC ist es selbstverständlich, dass es in dieser Frage mit den Behörden zusammen arbeiten wird“, sagte man gegenüber des Medienhauses Springer.

Recherchen ergaben, dass Thomas Bach, der Präsident des Exekutivkomitees des IOC, von den illegalen Geschäften seines engen Vertrauten Hirkey gewusst haben soll. In einem Schriftwechsel Hirkeys heißt es: Ich habe dieses Vorgehen gestern mit Präsident Bach besprochen. Er bestätigte, dass er die Strategie akzeptiert. Das IOC bestätigte diese Vorgänge, betonte jedoch, dass man dabei alle Regeln und Vorschriften eingehalten habe. Antworten auf direkte Fragen zur Rolle Bachs bei diesen Verhandlungen gab das IOC nicht.

Lukrative Rahmenbedingungen für den IOC

Doch nicht nur Ticketskandale sollten von der Öffentlichkeit thematisiert werden, auch die Vergabepraxis an Länder, deren politische Regime dazu neigen, antidemokratisch zu verfahren. Dadurch fällt es den Ausrichtern und dem IOC leicht, zivilgesellschaftlichen Widerstand zu unterdrücken und meist ökonomisch unsinnige, aber für den Sportverband und seine Funktionäre lukrative Rahmenbedingungen zu schaffen. Beispielhaft sind dafür die vom Weltverband bestimmten Premiumpartner, die mit horrenden Summen aus Marketing-Etats die Sportspiele querfinanzieren. Diese Praxis geht gänzlich allein zu Lasten der lokalen Bevölkerung, die teilweise mit Berufsverboten für die Zeit des sportlichen Wettkampfes belegt werden um jeglichen Konkurrenzwettbewerb auszuschließen, so geschehen zur WM in Kapstadt 2010.

Die Brasilianer passen nicht in die Gleichung des IOC

Das durchschnittliche Jahreseinkommen in Brasilien lag bei 8.669 USD in 2016, 7.200 Euro verlangten die Ticketbetrüger aus dem inneren Kreis des IOC für eine Karte. Den Brasilianern, denen vorgeworfen wurde, sich nicht für die Spiele zu interessieren – abgesehen von Fußball – ist somit kein Vorwurf zu machen. Sie sind vermutlich die Gruppe, die, solange sie nichts zu vermieten oder verkaufen hat, am wenigsten von der Großveranstaltung profitiert hat. Eine Bevölkerung, die keine neuen Stadien für Bogenschießen braucht, sondern eine bessere Gesundheitsversorgung, keine neuen Reitanlagen, sondern weniger Tote durch Bandenkriminalität und keine neuen Segelsportanlagen, sondern Kläranlagen für die Abwässer einer Millionenstadt.

Fasst man zusammen, so sieht man eine Allianz von korrupten Sportfunktionären, undemokratischen Regimen, Politikern und Weltkonzernen, die jeweils auf eigene Weise Nutzen aus diesen Großveranstaltungen ziehen wollen. Einzig nicht in der Gleichung: die lokale Bevölkerung des ausrichtenden Landes.

Wie geht es weiter mit dem IOC

Patrick Hickey wurde wenige Tage nach seiner Verhaftung entlassen und konnte dank der Zahlung einer Kaution in Höhe von 410.000 Euros durch den IOC Brasilien im November 2016 verlassen. Er lebt mittlerweile wieder in Irland und beteuert bis heute seine Unschuld. Die Amtszeit seines Verbündeten und Freundes Thomas Bach endet im Jahr 2021, jedoch hat dieser bereits angekündigt für weitere vier Jahre zu kandidieren. Die nächsten olympischen Spiele finden 2020 im japanischen Tokio statt. Tokio ist nicht Rio, die Probleme nicht die gleichen. Es gilt abzuwarten welche Lehren der IOC aus diesem Skandal gezogen hat und schlussendlich ist das durchschnittliche Jahreseinkommen der Japaner mit 32.486 USD deutlich höher als das der Brasilianer, da lassen sich 7.200 Euro für ein Ticket schon besser verkraften.

Mehr zu Korruption im Sport:

  • Korruption im Sport: Mafiose Dribblings – Organisiertes Schweigen von Jens Weidenreich
  • The Political Economy of Global Sports Organisations von John Forster, Nigel Pope
  • John Forster, (2006) „Global sports organisations and their governance“, Corporate Governance: The international journal of business in society, Vol. 6 Issue: 1, pp.72-83.
  • Wolfgang Maennig (2004). Korruption im internationalen Sport: Ökonomische Analyse und Lösungsansätze. Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung: Vol. 73, Korruption aus ökonomischer Sicht, pp. 263-291.

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