„Krieg dem DFB“ – Der Kampf um Pyrotechnik in Stadien

Berlin, 27. Mai 2017. DFB-Pokalfinale zwischen Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt. Fans nutzen das Duell für Unmuts-Äußerungen über den Deutschen Fußball-Bund. Dabei geht es insbesondere um die Kampagne „Pyrotechnik legalisieren“. Der DFB lehnt Pyrotechnik in Stadien ab. Doch wie stehen Fans, Vereine und Spieler zu diesem Thema?

 

Die Perspektive der Fans

Bei Großveranstaltungen wie Fußballspielen oder Konzerten sind häufig sogenannte „Bengalische Feuer“ zu sehen, im Volksmund besser bekannt als Bengalos. Bengalos sind langsam brennende, farbige, pyrotechnische Sätze, welche an einem Stab abbrennen und zum Halten in der Hand, zum Stellen auf den Boden oder zum Aufhängen vorgesehen sind. Ursprünglich kommen Bengalos bei der Seenotrettung zum Einsatz und erreichen beim Abbrennen innerhalb kürzester Zeit Temperaturen zwischen 1000°C und 3000°C. Die extrem hohe Abbrenntemperatur ist gefährlich: Selbst die Reste ausgebrannter Behälter sind noch lange so heiß, dass sie bei Berührung schwerste Verbrennungen verursachen können.

Warum gehen so viele Fans trotzdem dieses Risiko ein? Wozu das Ganze? Um diese und weitere Fragen zu beantworten, habe ich mit Thomas gesprochen. Thomas ist Fan des 1. FC Köln und versteht sich selbst als „Teil der aktiven Fanszene.“ Er selbst kennt viele sogenannte Ultra-Gruppierungen und ist auch mit einigen Ultras befreundet. Als Ultra-Gruppierung bezeichnet man eine Gruppe fanatischer Anhänger einer Fußballmannschaft. Trotz aller Freundschaft steht Thomas solchen Gruppierungen mit kritischer Distanz gegenüber.

 

Pyrotechnik als fester Bestandteil der Fankultur

Für ihn und für viele andere aktive Fußballfans gehöre Pyrotechnik  einfach zur Fankultur. Sie ist ein unterstützendes Element für Stimmung und Mannschaft. Thomas könne allerdings die Bedenken vieler Fans durchaus nachvollziehen: „Pyrotechnik wird im Stadion nicht immer sicher gehandhabt, mitunter werden Bengalos auch auf das Spielfeld geworfen, dazu kommt es immer wieder zum Einsatz von Böllern. Das ist nicht meine Vorstellung von Unterstützung meines Teams.“ Es sei schon einige Male vorgekommen, dass neben ihm im Fußballstadion Bengalos gezündet wurden. Wirklich unsicher fühlte sich Thomas bisher jedoch nie.

„Es sieht einfach großartig aus! Wer einmal Bilder eines hell erleuchteten Stadions beim Einlaufen der Mannschaften gesehen hat, dem brennt sich das ins Gedächtnis ein. Gänsehautatmosphäre!“

Seit einigen Jahren gibt es die Kampagne „Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren“. Die Ultras hinter dieser Kampagne setzen sich für ein kontrolliertes Abbrennen von Feuerwerkskörpern in Stadien ein und begründen dies so: „Wir wollen Bengalische Feuer, Rauchtöpfe, etc. beim Einlaufen der Mannschaften, nach [einem] Tor, bei besonderen Gesängen und als Choreos.“ Es gehe um eine lebendige und fröhliche Pyrotechnik, die eine einzigartige Atmosphäre schaffe. Sebastian Scheffler, einer von vier offiziellen Fanvertretern beim Bundesligisten 1. FC Kaiserslautern, sieht „bengalische Feuer als unverzichtbare Stilmittel, die zu einer Fankurve gehören wie Fahnen oder Gesänge“.

Auch Thomas ist der Meinung, dass die Atmosphäre durch den Einsatz von pyrotechnischen Sätzen verbessert wird: „Gerade bei Derbys pusht der Einsatz von Pyrotechnik den [Fan-]Block noch einmal richtig. Dieses „Wir gegen die“-Gefühl wird noch einmal verstärkt.“ Für viele Fans sei aus seiner Sicht der Einsatz von Pyrotechnik mittlerweile zu einem Symbol des Widerstands gegen die Verbände und Vereine geworden, die sich gegen jedwede Nutzung sperren. Pyrotechnik sei das sichtbare Zeichen der Einstellung, dass sich die Gruppen trotz aller Maßnahmen nicht von ihrem Weg abbringen ließen. Die letzten Jahre haben gezeigt: Auch durch schärfste Repressionsmaßnahmen ist das Thema Pyrotechnik nicht aus der Welt zu schaffen, da viele Gruppierungen aus Trotz weiter zündeln.

 

Die Perspektive der Vereine

DFB und DFL lehnen Pyrotechnik in Stadien rigoros ab – und haben dies auch in der Diskussion um das Sicherheitskonzept immer und immer wieder betont. Unabhängig von der gesundheitlichen Gefahr für Stadionbesucher weisen DFL und DFB darauf hin, dass kein Veranstalter bei Bundesliga-Spielen die Haftung übernehmen würde. Das bekamen auch jüngst der BVB und die Eintracht zu spüren: Trotz erhöhter Sicherheitskontrollen zündeten Fans von Dortmund und Frankfurt beim eingangs erwähnten Pokalfinale Pyrotechnik. Den Klubs drohen Strafen.

Beide Klubs waren in der Vergangenheit bereits für Vergehen ihrer Anhänger bestraft worden. Dortmund durfte nach Vorkommnissen im Bundesligaspiel gegen RB Leipzig keine Zuschauer auf die Südtribüne lassen. Grund hierfür waren damals nach einem Urteil des Sportgerichts vor allem „Spruchbänder mit verunglimpfenden und diffamierenden Inhalten“, auch Schmähgesänge und das Abbrennen von Pyrotechnik in anderen Spielen wurde berücksichtigt. Die Eintracht hatte ihr Ligaspiel gegen den FC Bayern und das Pokal-Zweitrundenspiel gegen den FC Ingolstadt wegen eines Zuschauerteilausschlusses aufgrund zahlreicher Fanverfehlungen vor einer „Geisterkulisse“ bestreiten müssen. Das Sportgericht ahndete damit Zwischenfälle in der ersten Pokalrunde 2016 beim Gastspiel in Magdeburg. Während der Partie gegen den Drittligisten hatten Frankfurter Anhänger unter anderem zwei Raketen in einen benachbarten Zuschauerblock geschossen.

 

Sanktionen treffen meist die Vereine

Diese Beispiele zeigen, dass meist die Vereine für die Verstöße ihrer Anhänger haften müssen. Die Täter solcher Ordnungswidrigkeiten sind häufig vermummt oder in der Masse der Fans nicht für die Sicherheitskräfte identifizierbar. Im „Fußball“-Alltag kommt es immer wieder zu Sachbeschädigungen (§ 303 StGB) und Brandstiftungen (§ 306 ff StGB) durch den unsachgemäßen Umgang mit pyrotechnischen Gegenständen. Verständlich, dass viele Vereine aus diesem Grund lieber auf Pyrotechnik verzichten würden. Neben Strafen wie Geisterspielen oder dem Ausschluss von einem Turnier, gibt es auch zum Teil hohe Geldstrafen. Seit 2016 haften die Täter selbst – sofern sie identifiziert werden können. Der Bundesgerichtshof (BGH) hat Vereinen erlaubt, die Geldstrafen des DFB an die Verursacher weiterzugeben. Damit haben die Klubs von höchster Instanz grünes Licht, um sich das Geld für die Strafen bei den Tätern zurückzuholen.

Geklagt hatte der 1. FC Köln. Der Verein musste 50.000 Euro Strafe zahlen und weitere 30.000 Euro in Gewaltprävention stecken, nachdem ein Anhänger im Februar 2014 bei einem Zweitliga-Heimspiel einen Knallkörper gezündet hatte. Der Böller verletzte sieben Zuschauer auf dem Unterrang. Der FC will von dem Werfer nun Schadenersatz.

 

Fazit

„Vielleicht müsste ein anderer Ansatz gewählt werden“, meint Thomas. In Norwegen und Österreich wird bereits ein möglicher Ansatz praktiziert. Dort ist bei Heimspielen das Abbrennen Bengalischer Feuer in der Fankurve mittlerweile eine Selbstverständlichkeit – ganz legal, mit der Genehmigung von Feuerwehr, Polizei, Verein und Verband.

Klar ist jedenfalls, dass sowohl die Fans als auch die Fußballvereine ihre Meinung so schnell nicht ändern werden. Der ehemalige Nationalspieler Marcell Jansen sagte in einem Interview zwei Sätze, die die Situation passend zusammenfassen: „Wenn man gewährleisten kann, dass keiner zu Schaden kommt, dann bin ich absoluter Befürworter [von Pyrotechnik]. Im Ausland gehört es dazu, in Deutschland gibt es doch schon genug Verbote und wenn man irgendwann nur noch einen Schal mit ins Stadion nehmen darf, wird es auch langweilig.“

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