„Der Football ist verweichlicht“

In wenigen Tagen startet die reguläre Football-Season und wieder werden die Spieler alles geben, um die begehrte Vince Lombardi-Trophy zu gewinnen. Ob Donald Trump sich das Spektakel anschauen wird, ist fraglich. Im Rahmen seines Wahlkampfs in Nevada sagte er diesbezüglich: „Der Football ist verweichlicht. Das ganze Spiel ist ein Sport für Softies geworden“. Ein Softie-Sport bei dem jedes Jahr mehrere Spieler sterben.

 

Ein Beitrag von Jannik Kretschmer

 

Die Frage, die sich unweigerlich stellt, liegt auf der Hand: Wie kann eine der offiziell gefährlichsten Sportarten der Welt verweichlicht sein? Ein Sport, der von Aggressivität und Gewalt bestimmt wird. Ein ehemaliger Spieler äußerte sich dahingehend: „Ich möchte niemanden verletzen. Aber ich bin nicht dagegen, jemandem weh zu tun.“ Die Fans lieben die Spieler genau für diese Härte. Dass sich bei diesen Tacklings viele Spieler Verletzungen zu ziehen, die teilweise erst Jahre nach deren Karriereende auftreten, ist nicht nur den Fans, sondern scheinbar auch der NFL gleichgültig. Es bedurfte erst eines afrikanischen Arztes, der vor Jahren auf die besonders gefährlichen Kopfverletzungen aufmerksam machte, um das Thema an die Öffentlichkeit zu bringen.

 

Der Mann, der den Football revolutionierte.

 

Dr. Bennet Omalu, ein nigerianischer Einwanderer, hat bis heute nicht viel für Football übrig. Er verabscheut den Sport, dessen Funktionäre und seine komplexen politischen Verbindungen. Dennoch ist er inzwischen eine der bekanntesten Persönlichkeiten im Football-Business. Sogar Hollywood hat sich seiner Geschichte angenommen und diese mit Will Smith in der Hauptrolle umgesetzt. Dabei ging es Omalu in erster Linie immer um die Medizin und seine Forschungen.

 

Im Jahr 2002 sorgte der Arzt erstmals für Aufsehen. Als er die Leiche des ehemaligen Superbowl-Gewinner Mike Webster obduzierte, deckte der Arzt gar einen Zusammenhang zwischen Gehirnerschütterungen und Langzeitschädigungen des Gehirns auf. Gehirnerschütterungen, die bei jedem Footballspiel unzählige Male passieren. Die Folge dessen, was vielen Zuschauern verborgen bleibt, ist CTE (Chronisch Traumatische Enzephalopathie). Ehemalige Spieler, die davon betroffen sind, verlieren bereits nach wenigen Jahren mehr und mehr die Orientierung. Sie leiden unter Depressionen, Demenz oder gar Gedächtnisschwund. Bei nicht wenigen endet dies im Suizid. Wie viele Schläge auf den Kopf es letztlich benötigt bis CTE ausgelöst wird kann auch Omalu nicht sagen. Ann McKee, ebenfalls eine Expertin auf dem Gebiet CTE, stellte bei mehreren Studien teils eine Erkrankungsquote von 63% bei ehemaligen Footballern fest. Bei einer anschließenden Untersuchung wies sogar nur eins von 35 Footballer-Gehirnen keine Erkrankung auf.

 

Doch was genau ist überhaupt CTE?

 

CTE ist eine Art Störung der normalen Hirnfunktion und eine rein neurologische Erkrankung. Vor allem die sogenannten Tau-Proteine sind für die Krankheit verantwortlich. Diese Proteine finden sich auch bei Alzheimerleidenden, was somit auch die Symptome CTEs, wie beispielsweise Gedächtnisschwund etc., erklärt. Ein viel schwerwiegenderes Problem, welches durch die Kopfstöße verursacht wird, ist jedoch das Absterben der Nervenzellen. Aufgrund der Schläge wird die Blutversorgung in bestimmten Gehirnregionen gestört, gar unterbrochen, sodass die Zellen absterben. Vor allem die temporale Großhirnrinde wird bei solchen Schädel-Hirn-Traumata in Mitleidenschaft gezogen. Inzwischen wird CTE in vier Stufen eingeteilt, die den Krankheitsverlauf beschreiben. In der Regel endet dieser in einer stark ausgeprägten Demenz, die aufgrund kognitiver Störungen das zurechtfinden im Alltag kaum noch ermöglicht.

 

Für Omalu war diese Entdeckung ein entscheidender und wichtiger Schritt, um Leben zu retten. Für die NFL (National Football League) eine Katastrophe. Sie wetterte gegen ihn und stellten seine Studien als rituelle Volksmedizin dar. Sie wollte Omalu gar als einen Mann aus dem Busch abtun. Er war verwundert über die Äußerungen der NFL und hätte gedacht, dass die Liga ihm danken würde, weil er die Spieler schützen wollte. Doch diese reagierte zunehmend mit Spott und versucht bis heute die Relevanz der Thematik zu schmälern.

 

Wieso will die NFL ihre Spieler nicht schützen?

 

Über 16 Gegenstudien veröffentlichte die NFL bereits, die beweisen sollten, dass kein Zusammenhang zwischen CTE und Football existiert. Im Jahr 2016 konnte die Liga dem gesellschaftlichen Druck dann nicht mehr Stand halten und gab in einer Anhörung vor dem US-Kongress den schon längst bewiesenen Zusammenhang zu. Ein eindeutiges Schuldeingeständnis blieb allerdings aus. Auch weil bisherige Klagen in einem Vergleich endeten, welcher formell gesehen nicht als Schuldeingeständnis bezeichnet werden darf. Dennoch behauptet Roger Goodell, Commissioner der Vereinigung, dass alles für die Footballer getan wird. Doch auch die aktuellen Regeländerungen haben kaum zum Schutz der Spieler beigetragen. Die Footballer müssen inzwischen „Helm an Helm“-Kontakt vermeiden und auch unnötige Härte wird stärker bestraft, kann sogar den Spielausschluss bedeuten. Der robuste Ursprung der Sportart konnte jedoch durch diese Umgestaltungen nicht sonderlich stark abgewandelt werden.

 

Die Angst der NFL resultiert aus einen künstlichen Abwehrmechanismus, der vor allem in der Nachwuchsförderung begründet ist. In NFL-Kreisen heißt es: Wenn zehn Prozent der amerikanischen Eltern zu dem Entschluss kommen, dass Football zu gefährlich ist für ihre Kinder, dann wird es diese Sportart in einigen Jahren nicht mehr in seiner jetzigen Form geben. Und die Quote ist rückläufig. Die Mitgliederzahlen der Jugendfootballteams sanken in den letzten Jahren um 2,5 Prozent, mit einer steigenden Tendenz. Dementsprechend liegt der Assoziation viel daran ihr Image aufzupolieren. Sie spendete mehr als 30 Millionen Dollar an das nationale Gesundheitszentrum, um CTE stärker zur erforschen. Auch Collegetrainer werden besser geschult, damit Gehirnerschütterungen früher erkannt werden. An der allgemeinen Stimmungslage der Footballer haben diese Förderungen jedoch wenig geändert.

 

„Die NFL benimmt sich wie die Tabakindustrie in den Neunzigern, die den Zusammenhang zwischen Rauchen und Gesundheitsschäden leugnete“.

 

Dies entspricht zunehmend der Überzeugung vieler Profi-Footballer. Im Jahr 2015 beendete sogar eines der vielversprechendsten Talente nach nur einem Jahr seine NFL-Karriere. Chris Borland hatte Angst, dass ein weiteres Engagement seine Lebenserwartung drastisch reduzieren könnte. Er wäre nicht der Erste, der aus Verzweiflung Suizid begeht oder sich selbst durch Drogen und Alkohol zugrunde richtet. Mehr als 35 ehemalige Spieler sind auf diese Weise inzwischen ums Leben gekommen.

 

Daher haben die Spieler geklagt und gewonnen. Über eine Milliarde sollen in den nächsten 65 Jahren an die Spieler und ihre Familien ausgezahlt werden. Pro Spieler bedeutet das 190.000 Dollar. Eine vermeintlich große Summe, die angesichts der hohen Kosten der Selbstversorgung aufgrund des amerikanischen Gesundheitssystems kaum bis zur Rente reichen wird. Für die ehemaligen Footballer, die nicht über Jahre hinweg Millionen verdient haben, steht daher weiterhin ihre Existenz auf dem Spiel. Einigen Klägern hilft die Summe jedoch gar nicht mehr. Sie sind bereits an den Folgen CTEs gestorben. Das große Problem bleibt also. Wie kann man CTE auch bei lebendigen Menschen diagnostizieren? Und wie kann man einen Ausbruch der Krankheit behandeln?

 

Denn eins ist klar, solange American Football existiert, werden sich Kopfverletzungen kaum vermeiden lassen. Die Brutalität liegt im Spiel an sich beheimatet. Bereits im Jahr 1905 wäre Football fast verboten worden, hätte nicht Theodor Roosevelt sich für Regelveränderungen stark gemacht und das Spiel enorm verharmlost. Benötigt der Sport also eine ähnliche Aktion wie die des damaligen Präsidenten der USA, um auch noch in Jahrzehnten relevant zu sein? In Donald Trumps Periode wird es eine solche Neuausrichtung der Sportart zumindest kaum geben.

 

Zum Weiterlesen:

 

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3624697/

 

https://academic.oup.com/brain/article/136/1/43/433876/The-spectrum-of-disease-in-chronic-traumatic

 

https://www.bu.edu/cte/files/2012/01/McKee_Chronic-Traumatic-Encephalopathy_2009.pdf

 

https://www.bu.edu/cte/about/what-is-cte/

 

http://www.zeit.de/2016/06/american-football-gehirn-cte-krankheit/komplettansicht

 

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