Angst und Erwartungsdruck: Sportler im Terrorvisier

Terror ist heutzutage allgegenwärtig und das bekommt auch der deutsche Fußball zu spüren. Für die Profispieler entstehen durch Attentate oder Anschlagsdrohungen Extremsituationen. Allerdings müssen sie trotzdem Leistung zeigen, da eine enorme Wirtschaftsmacht hinter der Sportart steht.

 

Anfang September tauchen jedes Jahr aufs Neue die erschreckenden Bilder von 9/11 in den Medien auf. Leider sind Terroranschläge seit diesem prägenden Ereignis nicht weniger, sondern merklich mehr geworden und auch der Sport kann sich in diesen Zeiten dem Terror nicht entziehen. Bereits im November 2015 explodierte bei dem Fußball-Länderspiel zwischen Frankreich und Deutschland vor dem Pariser Stadion eine Bombe. Der Schock saß tief in der deutschen Fußballszene – schon lange war der Sport kein Terrorziel mehr in Deutschland gewesen. Doch auch im Frühjahr diesen Jahres war der Terror dem deutschen Sport so nah wie seit langem nicht mehr: Die erste Fußball-Bundesligamannschaft von Borussia Dortmund wurde ebenfalls Opfer eines Bombenanschlags.

 

Terrorziel Borussia Dortmund

 

Am 11. April 2017 wurde das Team des BVB auf dem Weg vom Dortmunder Mannschaftshotel zum Champions League Spiel gegen die AS Monaco von einer Explosion überrascht. Drei mit Metallstücken besetzte Sprengsätze waren hinter einer Hecke am Straßenrand deponiert und zerschmetterten das hinterste Fenster des Busses. Verletzt wurden dabei der spanische Spieler Marc Bartra sowie ein Polizist, der das Fahrzeug auf einem Motorrad begleitet hatte. Bartra wurde ins Krankenhaus gebracht und musste noch am selben Tag an der Hand operiert werden.

 

BVB-Mannschaft in Schockstarre

 

Noch am Tag des Anschlags teilte die UEFA (Union of European Football Associations), Turnierveranstalter der Champions League, der BVB-Mannschaft Folgendes mit: Das Spiel gegen die AS Monaco sollte bereits am nächsten Tag, nicht einmal 24 Stunden nach dem Attentat, nachgeholt werden. BVB-Spieler Shinji Kagawa äußerte sich knapp zwei Monate nach diesem Ereignis mit sehr ehrlichen Worten auf seinem Blog und berichtet, dass er sich in der Nacht nach dem Angriff nicht vorstellen konnte, das Spielfeld direkt am nächsten Tag wieder zu betreten. Kurz nach der Explosion war er wie erstarrt gewesen – die gesamte Mannschaft stand unter Schock. Offen gab der Japaner zu, auch nach der vergangenen Zeit, noch immer verängstigt zu sein.

BVB-Trainer Thomas Tuchel war über die Entscheidung der UEFA, das Spiel nach so kurzer Regenerationszeit nachzuholen, entsetzt und fühlte sich respektlos vom Verband behandelt. Laut seiner Aussage legte die UEFA den Termin sogar ohne Absprache mit dem Verein fest. Auch Sportredaktionsleiterin des WDR2 Sabine Töpperwien fand es schwierig den Alltag nach so kurzer Zeit wieder einkehren zu lassen, da auch die Bestürzung durch die Verletzung des Freundes und Mannschaftskollegen, Marc Bartra, enorm war. Aus psychologischer Sicht ist es allerdings wichtig, dem Terror zu trotzen und sich nicht von den Tätern beunruhigen zu lassen, meint Psychiater Prof. Bandelow. Das Verschieben des Spiels wäre eher schlimmer als hilfreich für die Spieler gewesen, da die Terroristen somit etwas bewirkt hätten. Laut Bandelow hätte sich ein Spieler äußern müssen, wenn er sich aufgrund der Lage nicht wohlgefühlt hätte. Ob es allerdings so einfach ist, sich als alleiniges Teammitglied bei einer solchen Erwartungshaltung von Außen vom Spiel befreien zu lassen, bleibt fragwürdig.

 

Erschwerte Terminkoordination und enormer Wirtschaftsdruck

 

Der Verband der UEFA musste den Nachholtermin des Spiels mit beiden betroffenen Vereinen absprechen. Die Kritik von Seiten des BVB Trainers Tuchel, die UEFA hätte den Termin im Alleingang bestimmt, wies der Verband zurück. Laut UEFA war der Termin gemeinsam mit den Verantwortlichen sowie mit den Sicherheitskräften des Vereins besprochen worden. Des Weiteren wurde der Entschluss der UEFA, das Spiel bereits am folgenden Tag des Anschlags, am 12. April, nachzuholen, von Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie auch von Innenminister Thomas de Maizière unterstützt. Beide wollten mit ihrer öffentlichen Äußerung dem Terrorismus die Stirn bieten, um auch als Land eine Botschaft zu senden.

 

Es kann davon ausgegangen werden, dass die UEFA in Bezug auf den neuen Spieltermin zum einen berücksichtigte, dass bereits Tausende Fans der AS Monaco für das Spiel nach Dortmund angereist waren und ein späterer Termin eine erneute Anreise bedeutet hätte. Der Hauptgrund für das schnelle Nachholen des Spiels war jedoch, dass die Festlegung eines anderen Termins aus logistischen Gründen schwierig gewesen wäre. Die UEFA musste bei der kurzfristigen Terminkoordination zweier Vereine aus unterschiedlichen Ländern einige Aspekte beachten: Das Spiel zwischen Dortmund und Monaco war das Viertelfinale der diesjährigen Champions League. Das Spiel hätte dementsprechend nicht länger als bis zum 19. April verzögert werden können, da zu diesem Zeitpunkt bereits das Rückspiel der beiden Vereine in Monaco angesetzt war. Die Champions League ist ein europaweites Turnier und läuft parallel zu allen nationalen Ligen, weshalb die Termine lange im Voraus koordiniert werden müssen. Für Dortmund stand bereits am 15. April das nächste Spiel im Rahmen der deutschen Bundesliga gegen die Eintracht Frankfurt an und auch die AS Monaco sollte an diesem Tag im Rahmen der französischen Ligue 1 gegen Dijon FCO spielen. Hinzu kommen bei der Terminkoordination die Spiele der landeseigenen Turniere: Der DFB Pokal in Deutschland sowie der Coupe de France in Frankreich. Außerdem müssen bei der zeitlichen Planung im Fußball Reisezeiten sowie unterschiedlich lange Ruhezeiten der Teams zwischen den jeweiligen Spielen berücksichtigt werden.

Laut UEFA ließ der Terminplan keinen alternativen Spieltermin als den 12. April zu. Hätte jedoch die Möglichkeit auf einen späteren Spieltermin eingeräumt werden können, hätte dies für die UEFA durch die jeweiligen landesinternen und internationalen Termine der Mannschaften einen enormen Koordinationsaufwand bedeutet.

 

Ein Ausfall des Spiels wäre nur aufgrund einer Spielverweigerung des BVB denkbar gewesen. Allerdings wäre die weitere Austragung der Champions League dadurch nicht gefährdet gewesen und hätte somit auch keine direkten Konsequenzen für die UEFA gehabt. Das Spiel hätte jedoch aufgrund der Regeln als ein Sieg für die AS Monaco gewertet werden müssen und hätte es dem BVB somit erschwert die nächste Turnierrunde zu erreichen. Da die Turnierprämie der Vereine von Spielergebnissen sowie der letztendlichen Platzierung im Turnier abhängig ist, ist es für den BVB aus wirtschaftlicher Sicht wichtig, so viele Runden wie möglich zu meistern. Zusätzlich wären weitere schwerwiegende wirtschaftliche Konsequenzen die Folge gewesen: Ticketeinnahmen wären für den Verein verloren gewesen und zusätzliche Kosten wären entstanden. Werbeblöcke, die von Unternehmen im Rahmen der TV-Ausstrahlung des Fußballspiels bereits gebucht waren, hätten nicht mehr ausgestrahlt werden können. Für diesen finanziellen Schaden der Fernsehanstalten hätte der Dortmunder Verein aufkommen müssen. Somit wäre eine Absage des Spiels durch den BVB ebenfalls keine glückliche Lösung für den Verein gewesen.

 

Hinter der Champions League, einem der größten und bedeutendsten Fußballturniere der Welt, steckt also ein enormer wirtschaftlicher Aspekt, da sehr viel Geld von unterschiedlichen Seiten investiert wird und dadurch alle Parteien funktionieren müssen. In einer solchen Ausnahmesituation sollte die gesundheitliche Verfassung der Betroffenen dennoch an erster Stelle stehen. Profisportler auf diesem Niveau sollten zwar mit Druck umgehen können, jedoch ist die Last nach so einem Ereignis wie dem Anschlag eine andere. Deshalb sollte immer im Hinterkopf behalten werden, dass auch hinter jedem Profisportler eben nur ein Mensch steckt.

 

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