Zwischen sportlichen Erfolgen und dem tiefen Loch

Nach dem Tod des Torwarts Robert Enke im Jahr 2009 kündigte der Deutsche Fußballbund (DFB) an, gegen das Tabuthema Depression ankämpfen zu wollen und auch der bevorstehende Welt-Suizid-Präventionstag am 10. September 2017 dient dazu, offen über das Thema zu sprechen.

 

Anfälligkeit für psychische Erkrankungen

Jeder fünfte Deutsche wird mindestens einmal im seinem Leben an Depressionen erkranken und auch Spitzensportler stellen dabei keine Ausnahme dar. Robert Enke war wohl der bekannteste in unserer Mediengesellschaft, der der Volkskrankheit Depression ein Gesicht gab. Mit seinem Tod wurde erstmals eine öffentliche Diskussion entfacht, über die Deutschland bis dahin geschwiegen hatte.

Dass besonders Fußballspieler unter psychischen Krankheiten leiden, fand die Studie der globalen Interessenvertretung für Profifußballer FIFPro im Jahr 2014 heraus. Demnach leiden 26 Prozent der Probanden, die noch aktiv im Leistungssport sind, unter Depressionen und Angstzuständen. Bei den sich im Ruhestand befindenden Berufsfußballern liegt die Quote laut Studienleiter und FIFPro-Chefmediziner Vincent Gouttebarge sogar bei 39 Prozent. Der Verfasser der Studie erhofft sich, dass die Ergebnisse zu mehr Bewusstsein bei allen Beteiligten im Profifußball führen.

Der Druck kommt von zwei Seiten: Außen

Spitzensportler stehen nicht nur unter enormen Druck, sondern auch unter ständiger Beobachtung. Medien, Sponsoren, Trainer, Verbände und auch Zuschauer überwachen die Sportler. Trainer und Verbände erwarten stetige Verbesserungen und empfinden Ablenkungen vom Sport schnell als mögliche Bedrohung für den Schützling. Die Sponsoren verlangen natürlich die beste Leistung und Platzierung in der Tabelle, um die finanzielle Unterstützung auch weiterhin gewährleisten zu können. Zuschauer fiebern mit ihren Lieblingssportlern mit und auch sie verlangen Erfolge. Wenn sie allerdings mit der Leistung nicht zufrieden sind, dann lassen sie ihrem Unmut in Form von vernichtenden Kommentaren auf den unterschiedlichen Social Media Plattformen freien Lauf. Und auch die Medien bewerten Sportler bis ins kleinste Detail. So benotet beispielsweise die Fußballzeitschrift „kicker“ aktuelle Bundesligaspieler nach jedem Spieltag. Die Fans lesen olche Artikel natürlich gerne, machen sich aber nur selten bewusst, welche Auswirkungen das auf das Seelenleben eines Spielers haben kann.

…und Innen

Leistungssportler sind allein schon aus beruflichen Gründen erfolgsorientiert. Sie würden alles dafür tun, um noch erfolgreicher zu werden. Wenn nach einem Spiel, Wettkampf oder Turnier nicht das gewünschte Ergebnis erzielt wird, trainieren sie noch länger, härter und intensiver, bis sie ihr Ziel erreicht haben. Der Wunsch nach Erfolg lässt jedoch nur wenig Spielraum für Körper und seelischen Zustand zu.

Im Gegensatz dazu können andere Sportler auch misserfolgsorientiert sein. Die generelle Grundangst zu versagen und Fragen wie „Was passiert, wenn ich versage und aus dem Kader fliege?“ bestimmen ihr Leben. Die negativen Emotionen treiben sie dabei an.

Die Depression der Angehörigen

Eine seelische Erkrankung beeinträchtigt aber nicht nur das berufliche Umfeld, sondern immer auch den Kontakt und das Verhältnis zu Freunden, Familienmitgliedern und allen voran dem Partner. Das Zusammenleben mit einem depressiven Partner kann eine große emotionale Belastung darstellen. Das Grundgefühl der Hilflosigkeit, dass das Erleben vieler Menschen mit Depressionen prägt, überträgt sich oft auch auf die engsten Angehörigen. Zunehmende Verzweiflung, da sich trotz aller Unterstützung nichts zu ändert scheint, führt zu Gereiztheit und eventuellen Vorwürfen wie „Jetzt reiß dich endlich zusammen und denk auch mal an mich!“.

Es ist ein nicht enden wollender Teufelskreis: Man hilft, opfert sich für den depressiven Partner auf, doch es bringt alles nichts. Wo man selber bunt sieht, sieht der eigene Partner einfach nur schwarz. Und selbst wenn sich einmal ein Licht am Ende des Tunnels zeigt, sind Rückschläge nicht zu vermeiden. Zunehmender Ärger wird von Schuldgefühlen begleitet, welche wiederum zu noch mehr Fürsorge und Rücksichtnahme anstacheln.

Es kann jeden treffen

Robert Enke ist das beste Beispiel dafür, dass auch erfolgreiche und finanziell abgesicherte Sportler an Depressionen erkranken können. Erst mit seinem Suizid wurde eine öffentliche Diskussion zum Umgang mit Depressionen im Spitzensport entfacht. „Auch Leistungssportler können psychische Erkrankungen erleiden, die adäquat diagnostiziert und behandelt werden müssen. Für diese Erkrankungen kann man gar nichts, sie kommen oft wie eine Grippe„, schreibt der Psychiater Frank Schneider in seinem Buch „Depressionen im Sport„. Zusammen mit der Witwe von Robert Enke, Teresa Enke, hat er einen Ratgeber für Sportler, Trainer, Betreuer und Angehörige geschrieben.

Der DFB-Präsident Reinhard Grindel arbeitet ebenfalls mit Teresa Enke zusammen. Im Jahr 2010 haben sie die Robert-Enke-Stiftung ins Leben gerufen. Das vorrangige Ziel der Stiftung ist es, die Krankheit aus der Tabuzone zu holen. Seit Ende letzten Jahres gibt es sogar die „EnkeApp“, welche kranken Menschen eine weitere Möglichkeit bietet, Hilfe zu bekommen.

Ein weiteres prominentes Beispiel stellt der ehemalige Skispringer Sven Hannawald dar, welcher ebenfalls eine depressive Erkrankung hinter sich hat, allerdings in einem anderen Ausmaß als Robert Enke. Die Krankheit bedeutete in seinem Fall zwar das Karriereende, allerdings wurde Hannawald erfolgreich behandelt und bewegt sich mittlerweile wieder in der Öffentlichkeit, um anderen Menschen mit seiner Geschichte Mut zu machen.

Diese Beispiele zeigen die gewaltige Bandbreite der Krankheit Depression: Einerseits ist es eine gut behandelbare Krankheit, mit der Betroffene ein normales Leben führen können. Auf der anderen Seite können Depressionen jedoch auch zum Tod führen und müssen deshalb von den Sportlern, aber vor allem von deren Umfeld, sehr ernst genommen werden.

Über Depression und Suizid wurde bisher nicht viel in der Öffentlichkeit gesprochen. Glücklicherweise ist in den letzten Jahren eine leichte Veränderung im Spitzensport spürbar geworden. Mehr Verständnis und weniger Vorbehalte haben dazu geführt, dass sich mittlerweile Sportler wie der Fußballprofi Markus Miller oder der Fußballtrainer Ralf Rangnick trauen, mit ihrer Krankheit in die Öffentlichkeit zu treten.

Für mehr Informationen zu dem Thema: Die Seite des Berliner Vereins Freunde fürs Leben klärt junge Menschen über das Thema Depressionen auf und bietet Orientierung und aktuelle Zahlen.

 

Zum Weiterlesen:

Schneider, Frank: Depressionen im Sport: Der Ratgeber für Sportler, Trainer , Betreuer und Angehörige, München: FA Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, 2013.
Link zum Google E-Book.

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