Außersportliches Fehlverhalten im Profifußball: Rote Karte?!

Fußballspieler aus den Vereinen der ersten und zweiten Bundesliga stehen unter ständiger Beobachtung in der Öffentlichkeit und sind dabei oftmals Vorbild – nicht nur auf dem Fußballplatz. Doch immer wieder kommt es zu außersportlichem Fehlverhalten, bei dem die Vorbildfunktion der Spieler hinterfragt werden muss.

 

Die „Skandal-Akte“ des Kevin Großkreutz

Auf dem Spielfeld geben die Profis alles dafür, keine rote Karte zu bekommen. Doch abseits des Platzes tritt häufig genau der gegenteilige Fall auf. Immer wieder kommt es zu negativen Schlagzeilen im Zusammenhang mit Themen wie Drogen/Alkohol, Schlägereien oder sonstigem fahrlässigen und unprofessionellen Verhalten. Im Regelfall werden diese „Vorfälle“ mit Verwarnungen oder Geldstrafen durch die Vereine oder auch den DFB geahndet. Härtere Konsequenzen wie beispielsweise Spielsperren oder die fristlose Entlassung des Spielers sind dabei (bislang) eher selten der Fall.

Im Zusammenhang mit Skandalen und Profifußball gibt es eine Vielzahl an Spielern zu nennen. An dem Namen Kevin Großkreutz kommt man allerdings nicht vorbei, denn die „Skandal-Akte“ des Fußballers ist lang. Großkreutz, welcher zuletzt für den Zweitligisten VfB Stuttgart im Einsatz war, schaffte es in den vergangenen Jahren immer wieder mit seinem Skandalverhalten in die Schlagzeilen der Medien. Dabei fiel Großkreutz neben seinen Alkoholeskapaden auch wiederholt durch handgreifliche Situationen auf, wie beispielsweise bei einer Auseinandersetzung, bei der er eine Person im Bayerntrikot mit einem Döner bewarf. Ein weiterer Vorfall ereignete sich nach einer Spielniederlage, bei dem Großkreutz in die Lobby eines Luxushotels urinierte, nachdem er mit dem Hotelpersonal in einem Konflikt aneinandergeraten ist. Sein früherer Verein, Borussia Dortmund, verhängte ihm für den Vorfall eine Geldstrafe in Höhe von 60.000 Euro. Anfang dieses Jahres erreichte die „Skandal-Akte“ dann seinen Höhepunkt, mit schwerwiegenden Konsequenzen für den Spieler. Auf einer Oberstufenparty, auf der Kevin Großkreutz gemeinsam mit drei U17 Spielern des VfB Stuttgart feierte, gab er eine vierstellige Summe aus. Dabei konsumierte er, zusammen mit den Minderjährigen, Alkohol in großen Mengen und geriet in eine Schlägerei – die für den Fußballer in der Notaufnahme endete. Zwei Tage nach dem Vorfall gab es ein mehrstündiges Gespräch zwischen Großkreutz und der Vereinsführung des VfB Stuttgarts. Der Verein zog seine Konsequenzen und entließ den Fußballprofi mit sofortiger Wirkung.

 

Fußballprofis und Vereine haben eine Vorbildfunktion

 Eine repräsentative Studie der EBS Universität in Wiesbaden aus dem Jahr 2011 zum Thema „Deutschland braucht den Superstar: Die gesellschaftliche Bedeutung von Vorbildern im Profifußball“, bei der 2000 Bundesbürger sowie 3000 Fußballinteressierte befragt wurden, belegt, dass…

  • über 60% der befragten Jugendlichen unter 18 Jahren in ihrem Lieblingsspieler ein persönliches Vorbild sehen
  • knapp 60% von ihnen versuchen, das Verhalten ihres Lieblingsspielers nachzuahmen
  • Kicker eine höhere Vorbildfunktion als die eigenen Eltern haben
  • herausragende Leistungen alleine nicht ausreichen, um zu einem gesellschaftlichen Vorbild zu avancieren, entscheidend sind vorbildliches Verhalten (auf und fernab des Spielfeldes) sowie Nahbarkeit und Bodenständigkeit

 

Wie die Studie verdeutlicht, haben Fußballprofis eine hohe Verantwortung gegenüber ihren Fans. Dies gilt in verstärktem Maße gegenüber Kindern und Jugendlichen. Das sportliche sowie auch private Verhalten der Spieler prägt diese Altersgruppen, die sich daran orientieren und das Verhalten auch adaptieren. Spieler sollten sich also durchaus ihrer Funktion in der Öffentlichkeit bewusst sein und ihr Handeln danach ausrichten. Thomas Müller, Spieler des FC Bayern München, äußerte sich zu der Thematik wie folgt:

 

„Ich bin mir bewusst, dass ich eine Vorbildfunktion habe, weil Fußball in Deutschland so populär ist. Vor allem seit der WM 2010 (…) schauen viele Kinder auf mich. Da bin ich sicherlich für einige ein Vorbild (…)“

 

Aber nicht nur die Fußballspieler als Einzelpersonen sind Vorbilder, sondern auch der Verein selbst steht in der Verantwortung. Dies verdeutlicht das Beispiel im Fall von Kevin Großkreutz, zu dem sich VfB Stuttgarts Sportvorstand Jan Schindelmeiser in Bezug auf die Vertragsauflösung wie folgt äußerte:

 

„Gerade die Spieler der ersten Mannschaft haben eine besondere Vorbildfunktion für den Verein im Allgemeinen und unsere Jugendspieler im Besonderen.“

 

Genau wie die Spieler stehen auch in die Sportvereine in der Öffentlichkeit und müssen daher ebenfalls eine Vorbildfunktion einnehmen. Das Verhalten der Spieler spiegelt sich demnach auch im Verein wider. Nach Großkreutz’s Fehltritt waren viele Erziehungsberechtigte der Nachwuchsspieler besorgt, woraufhin es die Aufgabe des Vereins war, klar zu signalisieren, dass dieser gewissenhaft mit der Thematik umzugehen weiß.

 

Vereine sind auf ihre Spieler angewiesen

 Die Spieler, die in der Öffentlichkeit stehen und einen hohen Bekanntheitsgrad aufweisen, gehören oftmals auch zu den Leistungsträgern der Vereine. Ihre Position auf dem Spielfeld ist also von enormer Wichtigkeit und zugleich meist unverzichtbar für den Verein. Daher muss der Verein oder auch der DFB bei jedem Vorfall genauestens abwägen, wie sie das Fehlverhalten des Spielers einzuschätzen haben. Im Regelfall wird auf Ermahnungen oder Geldstrafen zurückgegriffen, um eben nicht auf die Spieler im Training oder Spiel verzichten zu müssen. So lange die Vorfälle keinen direkten Schaden für den Verein mit sich bringen, wird also von harten Sanktionen abgesehen. Der Fall von Kevin Großkreutz bildet daher eher die Ausnahme, indem auch die hohe Anzahl an Skandalen in die Entscheidung zur Vertragsauflösung mit einbezogen wurde. Hier stellt sich allerdings die Frage, ob dieser Schritt auch vollzogen worden wäre, wenn Großkreutz zu dem Zeitpunkt einer der wichtigsten Spieler der Mannschaft gewesen wäre.

Marco Reus, Spieler bei Borussia Dortmund, geriet im Jahr 2014 in die Negativschlagzeilen, nachdem bekannt wurde, dass er jahrelang ohne Fahrerlaubnis Auto gefahren war. Das Gericht verurteilte ihn damals zu einer Geldstrafe in Höhe von 540.000 Euro. In diesem Fall wurde, wie in den meisten anderen Fällen auch, auf eine Spielsperre verzichtet und keine weiteren Sanktionen oder Konsequenzen für den Spieler vollzogen. Sascha Fligge, Direktor Kommunikation bei Borussia Dortmund, äußerte sich wie folgt:

 

„Wir haben mit Marco gesprochen. Er sieht seinen Fehler ein, spricht selbst von einer großen Dummheit. (…) Weil wir Marco nicht nur als Sportler, sondern auch als Mensch sehr schätzen, sehen wir keinen Grund, an seinen Worten zu zweifeln.“

 

Fußballprofis sind auch nur Menschen und machen Fehler

 Auch Fußballprofis sind natürlich fehlbar; sie sind in der Regel noch jung und wissen nicht immer mit dem Druck als Vorbildfunktion umzugehen. Hinzu kommt, dass auch Profifußballer natürlich ihr eigenes Privatleben haben. Tagtäglich in der Öffentlichkeit zu stehen, verlangt einiges von den Spielern ab und gelingt nicht allen Profis, wie am Beispiel Kevin Großkreutz deutlich wurde. Die Spieler müssen sich aber darüber im Klaren sein, dass viele Menschen zu ihnen aufschauen und sich an ihnen orientieren. Kleine Fehltritte sind verzeihbar und menschlich. Wenn es allerdings immer wieder zu (großen) Fehltritten kommt, muss gehandelt werden. Dabei stellt sich die Frage, welche Art von Sanktionen oder Strafen bei Fehlverhalten am sinnvollsten sind.

Es ist fraglich, ob Strafen in Form von Geldbeträgen ein Umdenken in den Köpfen der Spieler verursachen, da die Spieler der ersten Bundesliga Jahreseinkünfte im Millionenbereich verdienen und Summen im fünf- oder sechsstelligen Bereich somit für sie leicht zu verkraften sind. Hier sollten die Vereine oder der DFB eine verantwortungsvolle Position einnehmen und den Spielern statt durch geringe Geldstrafen vor allem durch vorbeugendes Anleiten und Coachen zu einer besseren Vorbildunktion verhelfen. Allerdings liegt die Umsetzung dieser dann in alleiniger Verantwortung des einzelnen Spielers und sollte bei wiederholtem Fehlverhalten härter geahndet werden. Dies könnte beispielsweise durch Spielsperren geschehen, auch wenn diese für kurze Zeit den Verein schwächen könnten. Langfristig gesehen würde dies aber auch nachhaltig das vorbildhafte Verhalten des Vereins zum Vorschein bringen und könnte gleichzeitig ein tatsächliches Umdenken der Spieler bewirken.

Also lieber Großkreutz, lieber Reus und alle anderen „Skandal-Fußballer“ – wir wissen, dass ihr auch nur Menschen seid und jeder Fehler macht, aber denkt doch in Zukunft bitte zweimal darüber nach, wie ihr handelt, bevor eure Namen schon morgen wieder als Negativüberschrift in den Medien auftauchen…

 

 

Zum Weiterlesen:

Schmidt, Sascha/Högele, Daniel (2011): Deutschland braucht den Superstar. Gesellschaftliche Bedeutung von Vorbildern im Profifußball. Institute für Sports, Buisness and Society.

Nentwig, Gregor (2010): Medienfußballer als Vorbilder für männliche jugendliche Fußballspieler: Eine qualitative Interviewstudie. Saarbrücken: VDM Verlag.

Ein Kommentar zu „Außersportliches Fehlverhalten im Profifußball: Rote Karte?!

Gib deinen ab

  1. Passender und sehr ausführlicher Beitrag zum Thema der Vorbildsfunktion.
    Ist ja bei YT-„Stars“ genauso, egal was sie anderes sagen..sie haben eine gesellschaftliche Verantwortung.
    Gleichzeitig würde ich aber auch sagen, dass Politik und Gesellschaft generell dafür sorgen müssen, dass Fußballer und „Stars“ im allgemeinen in ihrer Bedeutung für die junge Anhängerschaft relativiert werden. Ihnen quasi den Gedanken des sachlichen reflektierens näher bringen-auch wenn sowas natürlich wie eine fast unmögliche Aufgabe erscheint mit 14-15 Jährigen 😉
    Als Inspirationsquelle sind Fußballer sicherlich gut..wenn es aber in Richtung Heldenverehrung geht muss eingegriffen werden- und zwar nicht nur vom Fußballer selber.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

WordPress.com.

Nach oben ↑