Prävention oder Eskalation: Was hilft gegen Hooligan-Gewalt?

Hooligans und Fangewalt sind ein großes Imageproblem für den Fußball. Die Motive für gewalttätige Auseinandersetzungen werden dabei ebenso selten reflektiert, wie eine sinnvolle Vorgehensweise gegen die Auseinandersetzungen. Feststeht, dass die DFL und die Polizei dieses Phänomen mit erheblichem personellen und finanziellen Aufwand bekämpfen. Doch was hilft wirklich?

Hooliganismus steht – wie wohl keine andere Fankultur – für Gewalteskalationen rund um sportliche Großereignisse, besonders im Fußball. Dabei sind die Zahlen gewaltbereiter Fans seit Jahren stagnierend. Die Zentrale Informationsstelle für Sporteinsätze beziffert die Anzahl der sogenannten Personen der Kategorie B und C, also der gewaltbereiten und der aktiv gewaltsuchenden Fußballfans, allein für die Bundesliga in der Saison 2015/2016 auf 5449 Personen. So kommen durchschnittlich 300 potenzielle Aggressoren auf einen Fußballverein der ersten Liga. Insgesamt kam es in der selben Saison zu 7773 Strafverfahren wegen Fangewalt und allein im Stadionumfeld zu 1265 durch Fangewalt verletzten Personen. Die Dunkelziffer an Verletzten dürfte jedoch weit darüber liegen. Denn bedingt durch die massiven Sicherheitsvorkehrungen bei Sportveranstaltungen findet nur noch ein kleiner Teil der Auseinandersetzungen zwischen Hooligans wirklich im Umfeld der Austragungsstätte statt. Die sogenannten Matches – verabredete Kämpfe zwischen rivalisierenden Hooligan-Gruppen – finden zunehmend unter dem Radar der Polizei in abgelegenen Industriegebieten oder Wäldern statt.

Dem durchschnittlichen Fußballfan sind diese Zahlen und auch die systematische Planung hinter diesen „Schlägereien“ unverständlich. Wenn man sich genauer mit dem Phänomen Hooliganismus beschäftigt stellt sich zwangsläufig eine Frage: Was bewegt einen Durchschnittsbürger – denn tatsächlich sind Hooligans allen gesellschaftlichen Schichten zuzuordnen – dazu, gewalttätige Auseinandersetzungen aktiv zu suchen und dabei nicht nur sich selbst, sondern auch vollkommen unbeteiligte Sportbegeisterte, der Gefahr eines körperlichen Schadens auszusetzen?

 

Hooligans – auf der Suche nach Grenzerfahrungen

Alex ist 26 Jahre alt, steht kurz vor seinem Studienabschluss und bezeichnet sich selber als Hooligan. Auf die Frage nach dem Warum antwortet er: „Es ist einfach eine Mischung aus dem Unbekannten und – ja – auch aus Gefühlen, die du sonst im Alltag so nie erlebst. Mal ehrlich, wann hat jemand im Alltag schon mal Angst, wann sollte das sein?“. Spezialisten, wie beispielsweise der Sportjournalist Christof Ruf oder Prof. Dr. Stefan Günzel, Professor für Gesellschaftstheorie an der BTK Berlin, bestätigen Alex‘ Aussagen: Es gehe Hooligans darum Extremsituationen zu erfahren, in die wir in unserer heutigen Gesellschaft normalerweise nicht mehr kommen. So sei diese Suche nach Angsterfahrungen und Affekten für viele Hooligans vergleichbar mit einer Art Spiel.

Diese emotionsgeladene Gemengelage wird jedoch schnell unkontrollierbar. Auch Alex bestreitet dies nicht: „Es wird ja oft davon gesprochen, dass es so einen Ehrenkodex gibt. […] Aber bei dem was ich so mache, ist das relativ schwierig. Gebe ich auch offen zu. Ich hab auch schon Leuten ins Gesicht getreten, die auf dem Boden waren. Das mache ich aber dann nicht, weil ich es gut finde, sondern weil ich in dem Moment in so einem Rausch bin.“

Wie schnell dann aus dem Spiel der Hooligans bitterer Ernst werden kann, zeigen Ereignisse, wie beispielsweise die Auseinandersetzungen rund um die Fußball Europameisterschaft 2016 in Frankreich. Am Rande des Turniers kam es zu zahlreichen Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten Hooligan-Gruppierungen, bei denen mehrere – teilweise auch unbeteiligte – Personen schwer verletzt wurden. Die Konsequenzen dieser Ausschreitungen tragen dann jedoch häufig nicht die Randalierer selber, sondern die für die Sicherheit verantwortlichen Instanzen.

 

Die Verantwortlichen: Was tun gegen Fangewalt?

Im öffentlichen Raum ist das die Polizei, in den Stadien sind es die Vereine und die Ligen. Alle Instanzen gehen mit einem erheblichen Aufwand gegen Fangewalt vor. Die Sicherheitsvorkehrungen bei Fußballspielen, gleichen da in so manchen Momenten denen bei einer Massendemonstration an G20-Gipfeln. Das hat Konsequenzen: in der Saison 2015/2016 summierten sich die von der Polizei bei Sportveranstaltungen abgeleisteten Arbeitsstunden auf über 2,2 Mio. Stunden. Hinzu kommt, dass die Ligen, die für die Sicherheit innerhalb des Stadions verantwortlich sind, bei der Einlasskontrolle in die Stadien zu immer drastischeren Mitteln greifen, um sichere Sportveranstaltungen zu gewährleisten. So wurden beispielsweise im Dezember 2012 mit dem Maßnahmenpaket „Sicheres Stadionerlebnis“ sogenannte Vollkontrollen eingeführt, die es dem Sicherheitspersonal erlauben, Fans bei der Einlasskontrolle auch im Intimbereich zu durchsuchen. Das Maßnahmenpaket wurde – unter großem Protest vieler Fanverbände – in der Folgesaison umgesetzt. Diese Maßnahmen verschlingen immense Kosten. Doch viel aussagekräftiger ist die Botschaft dahinter: Wie kann der Sport Menschen zusammenbringen, wenn sich jeder Fan am Einlass zunächst die Frage stellen muss, ob er oder sie bereit ist die eigenen Persönlichkeitsrechte einschränken zu lassen, um eine sichere Veranstaltung zu erleben?

Und das aufgrund von Maßnahmen, bei denen fragwürdig ist, ob sie Hooligans wie Alex wirklich an der Ausübung von Gewalt hindern können. Denn wie das oben aufgeführte Beispiel verdeutlicht: Trotz aller ergriffener Maßnahmen kann man sich nie sicher sein, dass ein Spiel friedlich verläuft. Die Motivation zur Ausübung von Gewalt kann keine Einlasskontrolle nehmen, wahrscheinlich wird sie dadurch sogar verstärkt. Außerhalb des Stadions ist die Kommunikation zwischen verfeindeten Hooligan-Gruppen zu organisiert, als dass sich jeder Zusammenstoß verhindern ließe. Noch deutlicher wird dies bei verabredeten Matches verfeindeter Hooligan-Verbände vollkommen unabhängig von Sportveranstaltungen: man kann eben nicht den gesamten öffentlichen Raum, jeden Waldweg oder jedes Industriegebiet überwachen. Abgesehen davon, dass dies zu ganz anderen gesellschaftlichen Diskussionen führen würde.

Mal ein anderer Ansatz: Sollte man vielleicht einfach zulassen, dass diese Gruppen testosterongesteuerter Adrenalinsuchender zu verabredeten Auseinandersetzungen, abseits von Sportveranstaltungen, aufeinandertreffen? Wenn das bedeutet, dass sie ihre Aggression nicht an vollkommen Unbeteiligten auslassen – sollte dies vielleicht in Betracht gezogen werden. Am Ende des Tages ist dies eine viel kontrollierbarere Situation als Straßenschlachten zwischen Hooligan-Gruppen und der Polizei, in die mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Unbeteiligte hineingezogen werden.

 

 

 

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