Dopingsumpf Russland: Teilnahme an den Olympischen Winterspielen 2018?

27.11.2017 in Östersund – Der Saisonstart im Biathlon Weltcup wird eingeläutet. Der Höhepunkt der Saison sind die olympischen Winterspiele in Pyeongchang, die vom 09. bis 25. Februar 2018 stattfinden werden. Doch seit dem Eklat während der Biathlon WM 2017 in Hochfilzen und dem McLaren-Report II ist das russische Team verstärk in der Kritik. Der Vorwurf: systematisches Staatsdoping. Es wird ein härteres Durchgreifen beim dem Thema Doping gefordert.

Aus dem Doping-Skandal während der olympischen Sommerspiele 2016, scheint Russland nichts gelernt zu haben. Zuletzt waren sie wieder wegen Dopings und dem Umgang mit Dopingsündern im Rahmen der Biathlon WM 2017 in Hochfilzen in der Kritik. Nachdem die russische Mixed-Staffel dem französischen Biathleten Martin Fourcade den Handschlag bei der Siegerehrung verweigerte, verließ dieser nach zynischem Applaus die Zeremonie. Die russischen Biathleten betraten das Podium unter Pfiffen des Publikums. Hintergrund des Eklats ist die Nominierung von Alexander Loginow seitens des russischen Verbandes RBU, dieser war Teil der russischen Mixed-Staffel, die die Bronze-Medaille gewannen. Loginow war noch bis 2016 wegen EPO-Dopings gesperrt. Die Nominierung eines überführten Dopingsünders wird von der Biathlongemeinschaft kritisch gesehen. Insbesondere im Hinblick auf die nächsten olympischen Winterspiele 2018 in Pyeongchang stehen der Biathlon Weltverband IBU und der IOC unter Druck, endlich zu handeln und im Anti-Doping-Kampf ein Statement zu setzen.

Vor der Weltmeisterschaft 2017 wurden im zweiten McLaren-Report 31 russische Biathleten genannt, die in dem mutmaßlichen russischen Staatsdoping verwickelt sein sollen. Eine Sperre für das gesamte russische Biathlon-Team war im Bereich des Möglichen, aus Mangel an Beweisen durfte die russische Mannschaft jedoch antreten. Dem Biathlon Weltverband IBU wird vorgeworfen, nicht konsequent genug durchzugreifen.

Strukturen des russischen Spitzensports

Seit der Gründung des „Rats für Körperkultur und Sport“ sind die Belange des Spitzensports in der direkten Kontrolle des Präsidenten Wladimir Putin. Die Sponsoren im russischen Spitzensport bestehen zu einem Großteil aus staatlich eingebundenen Unternehmen wie z.B. Gazprom. Das größte Problem des russischen Sports ist daher die Abhängigkeit von zentralstaatlicher Steuerung und Finanzierung. Der Staat verfolgt dabei natürlich das Ziel, dass seine Sportler so gut wie möglich abschneiden, um ein positives Licht auf Russland zu werfen. Auch das eigentlich unabhängig agierende Anti-Doping-Kontrollsystem unterliegt dem Einfluss staatlicher Interessen.

Im McLaren Report II sagte unter anderem Gregorij Rodschenkow , Leiter des Moskauer Anti-Doping Labors, als Kronzeuge aus. Rodschenkow beschreibt, wie unter seiner Organisation Urinproben systematisch nachträglich manipuliert und während der olympischen Winterspiele ein Urinschwindel staatlich organisiert wurde. Zwischen 2012 und 2015 verschwanden so insgesamt 650 positive Dopingproben in 30 Sportarten. Die russische Anti-Doping-Agentur Rusada gibt mittlerweile zu, dass es eine Vertuschung systematischen Dopings gegeben hat. Rusada Chefin Anna Anzeiowitsch betont jedoch ausdrücklich, dass die Regierung nicht beteiligt gewesen sei. Diese Aussage ist vor dem Hintergrund des Ausmaßes des Dopingschwindels jedoch mehr als fraglich.

Sauberer Sport vs. gerechte Bestrafung

Vor dem Hintergrund des systematischen Betrügens des russischen Teams bei großen Sportveranstaltungen, die für alle Sportler und ihrer Karriere wichtig sind, ist die Forderung nach einem konsequenteren und schnelleren Handeln seitens des IBU und IOC verständlich. Rund 170 Sportler, darunter auch die deutschen Top-Athleten um Laura Dahlmeier, hatten in einem gemeinsamen Brief härtere Strafen gegen Dopingsünder und deren nationale Verbände gefordert.

Gleichzeitig wäre eine Generalsperre aller russischen Athleten jedoch ebenfalls nicht gerecht. Russische Sportler, die sauber sind und selber gegen das Dopingsystem im eigenen Land kämpfen wollen, sollten nicht ebenfalls bestraft werden.

„In der Dopingfrage gibt es derzeit mehr Fragen als Antworten. Wir müssen schnell Gewissheit haben, wer schuldig ist und wer nicht. Ich habe den anderen gesagt, dass sie keine voreiligen Schlüsse ziehen sollen, bevor endgültige Beweise vorliegen.“ Anton Shipulin, russischer Biathlet

Eine lebenslange Sperre bei Dopingverstoß wäre eine Möglichkeit, eine höhere Abschreckung vor Doping und damit einen sauberen Sport besser zu sichern. Die Vergangenheit zeigt jedoch, dass auch Sportler unrechtmäßig wegen Dopings verurteilt wurden. Das Problem liegt somit auch in dem Dopingkontrollsystem selbst.

Beweise, Beweise, Beweise…

Der Fall Russland stellt die Offiziellen vor das Problem, dass alle Beweise sprich die Dopingproben nicht mehr vorliegen. Durch das systematische Zerstören der Proben einer nationalen Anti-Doping-Agentur, die einen wichtigen Baustein im Dopingkontrollsystem darstellen, kann nicht nachvollzogen werden, welche Sportler konkret gedopt haben. Ein vorschnelles Handeln seitens der IBU ist damit genauso problematisch wie kein Handeln. Der IBU und der IOC sind gezwungen sich an die offiziellen Regeln, den Code der World Anti-Doping Agency (WADA), zu halten. Im McLaren-Report wurden die konkreten Namen der 31 russischen Biathleten genannt, von denen 2 bereits gesperrt wurden. Gegen 22 mussten aus Mangel an Beweisen die Ermittlungen fallen gelassen werden. Einzige Konsequenz ist, dass die Austragung der olympischen Winterspiele 2021 Russland entzogen wurde. Trotz des Ziels eines sauberen Sports hätte eine Generalsperre Russlands für den Sport und die Sportler nicht nur positive Auswirkungen.

Olympia ohne Russland?

Ein Olympia ohne russische Beteiligung ist kaum vorstellbar. Ein Fehlen Russland als eine der größten Nationen mit den meisten Sportlern hätte zur Folge, dass die Wettkämpfe an Attraktivität und Spannung verlieren könnten. Die Folge wären global sinkende Zuschauerzahlen, geringere Fernsehquoten und damit auch weniger Einnahmen. Auch der Verlust von Sponsoren durch die geringere Reichweite im Fernsehen könnte eine Folge sein, die alle Sportler treffen würde.

Damit die olympischen Winterspiele 2018 nicht in einer Doping-Farce enden, muss jedoch von offizieller Seite ein Statement gegen Doping und damit auch gegen Russland gesetzt werden. Wie dies aussehen kann, ist schwierig zu beurteilen. Das etwas geschehen muss steht außer Frage und es ist abzuwarten, ob und wie die offiziellen IOC, IBU und WADA handeln werden.

Weiterführende Lektüre:

ARD-Dokumentation vom 03.12.2014: „Geheimsache Doping –Wie Russland Sieger macht“

Deutscher Bundestag vom 10.11.2014: Nationale Anti-Doping-Organisationen im internationalen Vergleich

Rüdiger, Nickel/ Rous, Theo (2007): Das Anti-Doping-Handbuch. Band 1. Grundlagen. Aachen: Meyer &Meyer.

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